Nr. 01, Mittwoch den 22.8.02 Ich sitze endlich im Zug. Schaue zwar noch immer aus dem Fenster, doch nehme die vorbeifliegende Landschaft nicht mehr bewusst auf.
Endlich Urlaub, die Verladung ist geschafft doch mein Kopf ist leer. Reisefieber hatte ich diesmal nicht, die Abreise ist Routine geworden. Gepäckliste abhaken, Packschema steht seit Jahren; dazu Stress und Arbeit bis zum letzten Tag. Bin
gestern ins Bett gefallen ohne einen Gedanken an die bevorstehende Fahrt. Beim Anblick meiner fertig gepackten Transi hatte ich doch etwas Respekt. Mit 3 Koffern, Tanktasche und Gepäckrolle ist das schon ein voluminöser Anblick. Nach den
ersten Metern wurde ich ganz ruhig. So richtig gut fühlt sie sich erst jetzt an - meine REISEenduro. Das mulmige Gefühl weicht reinem Glück. Wir landen mit der
Fahrt nach Düsseldorf natürlich mitten im Berufsverkehr. Auf der AB endlos LKW,
in D'dorf genervte Fahrer auf dem Weg in den Feierabend. Irgendwann sind wir da durch. Bei der Autozugverladung ist Coolness angesagt. Natürlich ist jeder aufgeregt, aber jeder versucht total cool auszusehen.
Nur nicht fragend umschauen oder rumzappeln. Als Reiseerfahrene gelingt mir das Spiel gut. Lässig sitze ich an eine Mauer angelehnt im Schatten auf dem Boden und beobachte die ankommenden Fahrer. Die
Erfahrung sagt mir, dass schon alles seinen Lauf nehmen wird. Irgendwann wird das Tor geöffnet und die Motorräder dürfen auf die Rampe. Alle fummeln wichtig irgendwo rum; scheinbar will niemand als
erster los; na gut Frau obercool, dann also ich. Grosse Güte ist das niedrig! Muss den Helm auf die Tanktasche drücken um nicht mit dem Ding an die obere Plattform zu stossen. Ganz langsam, sonst
hängt mein Kopf an der Decke und die Transi fährt ohne mich weiter. Das Verladepersonal gibt Parkanweisungen. Dann werden die Motos verzurrt. Meine kleine Blaue ist die schönste auf dem
Wagen. Als die Waggons weggezogen werden und die Alp meinen Blicken entschwindet, an den Füssen gefesselt, ist das schon ein komisches Gefühl. Hoffentlich hat sie eine gute Reise.
Nr. 02, 23.08.01
habe supergut geschlafen. Dachte ich gestern bei diesem Gerumpel würde ich kein Auge zumachen, war ich wohl schon kurz darauf eingeschlafen. Das Frühstück im Autozug kann sich sehen lassen!
Reichhaltiger ist es auch zu Hause nicht. Butter, Leberwurst, Käse, Marmelade und O-Saft, dazu frisches französisches Baguette; so mag ich das. Es dauert eine Ewigkeit bis wir unsere Motorräder vom Waggon
haben. Wir stehen in der Sonne und warten, dass die Waggons endlich in die Rampe rangiert werden. Eine Stunde vergeht ohne das etwas geschieht. Als wir endlich auf den Alps sitzen ist es 10.oo Uhr durch , gute 2 Stunden später, hier
wäre noch Verbesserungspotential. Dank guter Beschilderung haben wir Bordeaux schnell hinter uns gelassen. Hmmm, da ist er, der Duft der Kiefernwälder an der Atlantikküste. Es fällt schwer der
Versuchung zu widerstehen ans Meer zu fahren. Allein der Geruch weckt Erinnerungen. Ein Hinweisschild möchte mich zur grossen Düne von Pyla locken. Später ruft Biscarossa-Plage.
Gedanken an glückliche Ferien kommen auf, doch auch an die Zeit vor 4 Jahren, als dort der Traum von einer Frankreichdurchquerung per Fahrrad im Dauerregen ertrank... Nein, ich will heute weiter,
nicht der Vergangenheit nachhängen sondern zu neuen Zielen aufbrechen. Es ist leicht diesig. Leider verschwinden die Pyrenäen in Wolken. Wir verwerfen den Plan zuerst nach Pamplona in die Berge zu
fahren. Statt dessen wählen wir eine schöne Küstenstrasse. Eine gute Wahl! Von Zarautz bis Deba schlängelt sich eine gut ausgebaute Strasse an der Küste entlang. Die Berge fallen hier senkrecht ins
Meer; nur die Strasse haben die Menschen dem Fels
abgerungen. Die Ausblicke sind oft
atemberaubend schön. Ab Deba wird die Strasse schmaler und noch kurviger. Als wir in Laida angekommen sind, sind wir ganz schön geschafft. Hunderte kleiner Kurven liegen hinter uns. Das grenzt schon
an Arbeit. Meine Alp ist klasse. Ab 140 km/h setzt nur meine flatternde Jacke Grenzen. Ich hatte das wärmende Innenfutter entfernt und trage selbst nur ein T-Shirt, so ist sie eindeutig zu weit und bläht sich im Wind.
Das Fahrwerk sagt keinen Muck. Für die Nacht haben wir einen schönen Platz gefunden. Hier machen nur Spanier Urlaub. Wir sind die einzigen Ausländer. Schön! So fühle ich mich wohl. Wenn wir aus Versehen in ein
Deutsches Camp geraten, das mag ich nicht. Wenn ich nur Töne aus Bottrop und Köln auf dem ganzen Platz höre, dann will keine richtige Urlaubsstimmung aufkommen. Hier spricht niemand
Deutsch, das heisst ich bin wirklich verreist, weit weg.
Nr. 03, 24.08.01
Ich sitze auf einer Bank im Schatten. Mein Blick fällt auf eine grosse aus dem Meer ragende Klippe. Am Fusse "meines" Berges leuchten grosse Pinien in sattem Grün. Platanen spenden mir im Freiluftrestaurant kühlen
Schatten. Über dem Meer liegt noch der Dunst der abziehenden Wolken; der Nachmittag wird heiss werden. Seit heute Morgen haben wir es auf den Streckenrekord von 30 km in 3 Stunden gebracht. Die Strasse war die
reinste Achterbahn. Auf und nieder, nie geradeaus. Hinter jeder Kurvenkombination lockte eine neue atemberaubende Sicht auf diese wilde Steilküste. Wie oft kann man auf 30 km anhalten und sich an/ausziehen? Aber einfach
weiterfahren wäre Frevel, zu schön ist die Gegend. In unserem Aussichtsrestaurant beginnt es verführerisch zu duften. Auf Holz Gegrilltes mischt sich mit Olivenöl und Kräutern. Statt der Aussicht
werde ich jetzt das Essen geniessen! Stunden später: Wir sitzen auf einem Mittelalterlichen Platz in Santillana. Die Laternen sind angegangen, Menschen flanieren und auf dem Platz spielt eine Band
Traditionelle Musik. Die Strecke von Bilbao hierher hatte
nichts Schönes zu bieten. Wir haben das
Angebot der Verkehrsplaner angenommen und die Industriestadt Bilbao per Autobahn umfahren. Es gibt Betonwüsten und Industrie zu bestaunen - bloss weg hier! Leider ist die Strecke im weiteren Verlauf
nicht viel schöner. Immer wieder passieren wir Fabrikanlagen die ihre Ausdünstungen sichtbar und riechbar in die Umwelt entlassen. Als wir endlich einen Campingplatz finden, ist es 19.oo Uhr durch. Ich bin von der
Hitze, dem Gekurve und der Öde ganz schön geschafft. Eine freudige Überraschung ist dann dieser Ort. Hier kann man mittelalterliche Filme drehen. Strassen und Plätze sind mit grossen Kieseln gepflastert. Alle
Häuser sind aus Natursteinen gebaut. An den Fassaden kleben hölzerne Balkone, wie ich sie sonst noch nirgendwo in Europa gesehen habe. Ich hoffe, morgen um 7 aus dem Schlafsack zu sein, hier möchte ich gerne in Ruhe fotografieren.
Nr.4, 25.08.01
...natürlich sind wir nicht um 7.oo Uhr zum Fotografieren aufgebrochen. Haben getrödelt, noch und noch einen Kaffee getrunken. Als wir gegen 11 endlich in Santillana sind, ist alles voller Touristen - man lernt eben doch
nicht aus seinen Fehlern. Nach Mittag nutze ich den Swimmingpool, doch die rechte Lust fehlt. So setze ich mich auf eine Bank und hänge meinen Gedanken nach. Den ganzen Nachmittag mag ich das Träumen nicht
lassen und rolle mich vor dem Zelt auf meine Matte. 17.oo Uhr, langsam erwache ich voller Tatendrang. Wir schwingen uns auf die Alps und machen uns auf, kleine Strässchen zu erkunden. Wir finden schmale Wege die gleich oben an der
Steilküste verlaufen. In manchen Löchern ist Splitt aufgefüllt. Hier merke ich, was Strassenreifen sind. Nach langem Zögern wage ich mich auf einen festen Lehmweg mit Löchern. Die Löcher sind kein
Problem, aber wehe es kommt Schotter. Wir geniessen eine wunderschöne Aussicht von einer Klippe. Die Landschaft ist einzigartig. Alles ist üppig grün, man sieht, dass hier regelmässig
Niederschläge fallen. Es gibt viele bekannte Gewächse. Daneben sehen Dattelpalmen sehr ungewohnt aus. Die Wiesen sind grün und Saftig, darauf weiden Kühe, teilweise mit Halsglocken wie
im Gebirge. Die Weiden reichen bis an den Strand. So sitze ich jetzt in einem Strandcafe, Menschen baden noch in der Brandung. Geht mein Blick nach rechts, schaue ich auf einen grünen Hang. Am
Fusse wachsen Bäume, darüber grasen braune Kühe mit flauschigen Ohren. Eine solche
Aussicht hatte ich noch an keinem Strand! Hm, es beginnt nach gegrillten Sardinen zu duften; mein Abendessen habe ich mir verdient. Auf der Suche nach einer kleinen Strasse auf eine Klippe erwischen wir auf einem Bauernhof
den falschen Weg. Es geht steil bergab, noch kein Problem, dann ist die schöne Asphaltdecke zu Ende. Loser Splitt folgt. Immer noch steil bergab, mit Löchern gespickt. Ich bekomme Panik. 1.Gang, Fuss auf die Bremse.
Meine rechte Hand will zur Bremse, aber mein Gehirn steuert noch. Die Alp wird trotz 1. Gang schneller, dazu kommen Kehren. Ich habe Angst, bin total verkrampft und zittere am ganzen Körper. Hat niemand einen
Riemen um die Rechte Hand zu fesseln?? So langsam wie ich möchte, will die Alp nicht, es stottert. Was habe ich beim Sicherheitstraining gelernt? Gas, Kupplung schleifen lassen und Fussbremse.
Jetzt stottert sie nicht mehr. Irgendwann bin ich unten. Nass geschwitzt, am ganzen Körper zitternd und den Tränen nahe. Sackgasse! Nicht so schlimm, bergauf geht es viel besser, wenn auch die
Reifen auf dem losen Untergrund keine Führung haben. Jetzt kommen meine Sardinas, dann ist der Tag sowieso zu Ende.
Betreff: Nr.05
Ich sitze auf dem 2175 hohen Gipfel des Pico de Tres Mares und geniesse das atemberaubende Panorama. "Mein" Gipfel liegt inmitten anderer Hoher Berge. Wenn mein Blick in die Ferne schweift, sehe ich schroffe
Felsen weit entfernter Bergketten. Weiter sehe ich das Reserva de Fuentes Carrionas mit seinem 2525 Meter hohen Gipfel. Zwischen mir und diesen Riesen liegt ein kleinerer Berg, der von mir aus gleichmässig als
grüne Fläche aufsteigt um dann an der abgewandten Seite steil in die Tiefe zu stürzen. Links von mir erhebt sich eine Bergkette mit einem
steilen, schroffen Grat. Hinter mir wirkt der kleine Berg, der vom 1 km entfernten Parkplatz so mächtig aussah wie ein Hügel. Zwischen meinem Gipfel und den umliegenden Bergketten liegen grüne Täler.
Das Klingeln der Kuhglocken tönt bis hier hinauf, sonst herrscht Stille. Eigentlich wollte ich unbedingt nach Aguilar. Doch gut 20 Km vorher lockte die als Ministrässchen eingezeichnete Strecke
zum Pico de Tres Mares. Beim Versuch diese Strasse physisch auch zu finden hätten wir fast aufgegeben. In Reinosa scheint es keine Schilder zu geben, wir brauchen 3 Ortsdurchfahrten um
zufällig die richtige Ausfahrt zu erwischen. Leider wurde das Strässchen nach Veröffentlichung meiner Karte gut ausgebaut. Nun gut, da können wir wenigstens die Kurven geniessen ohne allzu
sehr auf kurvenschnippelnde Dosentreiber achten zu müssen. Wir passieren kleine Örtchen, dann nur noch einzelne Höfe oder Häuser. Der Baustil hier weicht stark vom Süden Spaniens ab. Die
typischen Bogenveranden sind zwar auch da, aber die Fassaden sind in Naturstein oder mit dunklen glasierten Kacheln belegt.
Am ehesten erinnert es mich noch an Andorra. Auf der Strecke nach oben versperren uns mehrfach Kühe mit grossen Glocken die Fahrbahn. Mit
jeder Kehre wechselt auch die Aussicht. Martin muss mich bremsen, sonst käme ich vor lauter Fotostops oben mit vollen Filmen an. Nicht halten fällt schwer; sind doch die Blicke in Täler und auf senkrecht
aufragende Berghänge so grandios. An Ende der Asphaltstrasse ist ein Parkplatz. Schon hier ist das Panorama betörend schön, doch wir wollen ganz nach oben auf den Gipfel. 1100 Meter ist er entfernt, doch der
Aufstieg dauert gut 1,5 Stunden. (30 Bilder auf Diafilm und 20 digital brauchen Zeit ;-)) Als ich oben bin, zittern die Beine, mir ist schwindelig
und als erstes muss ich mich setzen, oh je, ich werde älter! Zurück bei den Alps ist es schon 16.oo Uhr durch. Wir sind von der Sonne geröstet und in den Mopedklamotten mit unseren Rucksäcken
ganz schön geschafft. Nach der Abfahrt sehen wir dicke schwarze Wolken in Richtung Aguilar. Richtung Küste lockt blauer Himmel. Wir entscheiden uns für das bessere Wetter und fahren zurück
an die Küste. Schade, Aguilar hätte ich gerne gesehen, aber man soll sich ja immer noch was für die nächste Tour aufsparen.
Nr.6, 27.08.01
Wir haben Santillana verlassen. Es zieht uns weiter nach Westen, nach Galicien. Strecke machen war das heutige Motto. Auf dem ersten 100 km können wir uns noch an der schönen kurvenreichen Strecke erfreuen. Es
gibt schöne Aussichten sowohl auf das Meer, als auch auf die Berge. Allerdings machen viele LKW das Fahren anstrengend. Zumal ich mir keine Fotostops gönne. Würde ich alles im Bild festhalten wollen, kämen
wir nicht von der Stelle. Die zerklüftete Landschaft nehmen wir dann irgendwann nicht mehr bewusst wahr. Die Strasse ist auf langen Strecken schmal, unübersichtlich und verwunden. Manchmal habe ich den Eindruck, wir würden die
Entfernung Luftlinie in Natura 3 mal fahren! Am Ende haben wir für die knapp 200 km Luftlinie aber doch nur 270 km gebraucht. Schwere LKW bremsen unser Fortkommen, kaum Möglichkeiten zum
Überholen! Die Bewölkung der letzten Tage hat sich natürlich verzogen; wir schmoren im eigenen Saft. Als endlich ein grösseres fertiges Autobahnstück kommt sind wir regelrecht erleichtert. Wir sind
hungrig, müde und fühlen uns ermattet. Ein Einkaufszentrum lockt mit Burger King, wir nehmen das Angebot dankend an. Wenig später hocke ich im Schatten eines Vordaches auf dem staubigen
Parkplatz. Auf den Knien ein Tablett mit Burger und Cola - auch so etwas kann
ein glücklicher
Augenblick sein.... Der heutige Campingplatz ist herrlich auf einer hohen Klippe gelegen. Vom Zelt sehen wir auf die wild zerklüftete Steilküste. Keine 3 km entfernt ist ein kleiner Ort mit Fischerhafen. Hier liegen keine
Luxusjachten, flanieren keine Sportwagen. Das ist das wirkliche Spanien mit ganz normalen Menschen, die ihren täglichen Pflichten nachgehen. Es gibt natürlich Touristen, aber wenige. Die meisten sind Spanier. Die
wenigen Ausländer die sich hierher verlaufen haben, sind wie wir Individualisten, Spinner und Träumer. Gerade aus dem Ort zurückgekehrt, ging das tollste Gewitter los. Es schüttet wie aus Kannen, Blitze zucken
überall und die Donner sind kurze trockene Schläge. Wie die meisten Camper haben auch wir uns in die Campingkneipe geflüchtet. Nach dem 2 Stromausfall werden auf den Tischen Kerzen aufgestellt.
Bei jedem Schlag wird es draussen taghell. Wir haben unser Zelt natürlich ganz oben aufgebaut, wegen der Aussicht....
Nr. 7, 28.08.01
Das war kein guter Tag heute. Dabei schien am Morgen die Sonne. Es versprach ein schöner Tag zu
werden; so entschlossen wir uns hier zu bleiben, eine kleine Rundfahrt zu machen und einen Badestrand zu suchen. Doch Fussweg zum Strand war schwer zu finden und unwegsam, ein
richtiger Strand nicht vorhanden. Als wir zum Zelt zurück kamen, grollten schon Donner in den nahen Bergen. Diese Küste ist für ihr wechselhaftes Wetter bekannt; das üppige Grün wäre auch ohne diese
regelmässigen Niederschläge nicht möglich. Wir hatten gerade alles verstaut, als es auch schon mit dem Gewitter losging. Zum Glück gibt es hier ein gemütliches Gasthaus. Nach 2 Stunden konnten wir
aber nicht mehr sitzen und haben uns mit Spannriemen und einer Plane einen regendichten Unterstand gebastelt. Dort haben wir bis 19.30 Uhr gesessen und aufs Meer geschaut. Immer neue
Gewitter zogen aus den Bergen herbei. In unserer Gaststätte wird traditionelle Musik gespielt, die mich an keltische Klänge aus Schottland erinnert, doch höre ich die Stimmen der anderen Gäste
merke ich, ich bin in Spanien. Hier ist Dudelsackmusik durchaus üblich, das hätte ich hier nicht erwartet. Im Moment singt eine schöne glasklare Stimme zu melancholischer Musik. Es erinnert mich
ein wenig an Lorena McKennit, nur auf spanisch, schön!
Nr. 8 29.08.01
Luarca - A Coruna 251 Km Am Morgen erwachte ich mit Bauchschmerzen und Kopfweh. Auch nach dem Frühstück war es nicht besser; eher das Gegenteil. Habe mich total matt und zerschlagen gefühlt, die Beine lahm,
Arme schwer wie Blei. Doch trotzdem will ich weiter. Wir liegen sowieso nicht im Zeitplan. Haben schon einiges ausgelassen, doch trotzdem kommen wir nicht wie geplant voran. Heute ist der 7. Tag und wir haben
erst 1340 Km auf dem Tacho. Das könnte man an 2 Tagen abziehen, wenn es nicht so viel zu sehen gäbe. Als die Transi unter mir schnurrt, geht es
mir besser. Nur daran, das die Lust auf Fotostops fehlt, merke ich die schlechte Verfassung. Vor Ferrol dröhnt mein Kopf unerträglich. Ich will nur noch irgendwo meine Matte ausrollen und mich
hinlegen. Wir nehmen die Autobahn bis A Coruna; das ist unser Etappenziel, diese Stadt dürfen wir nicht verpassen. Der Campingplatz liegt etwas ausserhalb an einer netten Sandbucht. Mir zittern die
Knie, keine Lust zu zelten. So mieten wir eine Hütte. Gemütlich, mit Veranda und einem richtigen Bett. Während Martin aufbricht einen Supermarkt zu suchen, nehme ich 2 Aspirin und lege mich ins Bett.
Martin weckt mich eine Stunde später mit frischem Brot und Schokolade. Geheiligt sei Aspirin - ich lebe wieder. Jetzt im Dunkeln haben wir einen herrlichen Ausblick auf A Coruna. Unsere erste richtig
grosse Stadt in diesem Urlaub. Hoffentlich gibt es gutes Wetter.
Nr. 9, 30.08.01
A Coruna, nicht leicht eine Einleitung dafür zu finden. Wenn ich sage, ich bin von der Stadt enttäuscht, trifft das nicht ganz, denn ich hatte keine festen Erwartungen. Sicher ist auch, dass es seit Prag jede Stadt schwer
hat mir zu gefallen. Was mir nicht gefällt, ist die Bausubstanz. Es gibt kaum stilistisch zusammenhängende Komplexe. Das meiste sind hässliche Zweckbauten. Sicher finden sich dazwischen schöne alte
Häuser mit gut erhaltenen Fassaden, doch entfalten sie keinen Charme, wenn daneben Betonbauten dominieren. Dann ist es eine vom Verkehr zerrissene Stadt. Wir fanden kaum ruhige Strassen. Dagegen haben mir die vielen kleinen
parkähnlich gestalteten Plätze gut gefallen. Man ist offensichtlich bemüht, grüne Oasen und Orte zum Verweilen für die Einwohner zu schaffen. Diese kleinen Parks sind sehr gepflegt und aufwendig mit
Gehölzen und Blumen bepflanzt. Oft gibt es einen Brunnen und immer schattige Sitzplätze. Auch die lange Strandpromenade ist mit Palmen und Rasen gesäumt; nur wird sie leider von einer viel
befahrenen Hauptstrasse von der Stadt getrennt. Als Fazit bleibt: es war sicher kein verlorener Tag, aber es braucht auch keinen zweiten Besuch in dieser Stadt.
Nr. 10, 31.08.01
Das Ende der Welt, heute weis ich wie es dort aussieht. Dank minimalistischer Beschilderung finden wir in A Coruna die Autobahnzufahrt nicht. Nach einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt merken
wir erst spät, das wir die falsche Autobahn erwischt haben. Da wir unsere Pläne wegen solcher Kleinigkeiten nicht ändern wollen, verlassen wir die Bahn nach fast 50 nutzlosen Kilometern und begeben uns auf eine
ebenso lange Überlandstrecke um wieder auf die geplante Route zu stossen. Kein schlechter Verfahrer. Die Strecke von Ordes nach Carballo entpuppt sich als überdurchschnittlich schön und abwechslungsreich. Wir erleben keine
touristischen Highlights, aber monoton ist es nicht einen Kilometer. Es ist leicht bergig, landwirtschaftlich geprägt mit kleinen Dörfern. Einmal begegnet uns ein alter Bauer mit einem
Heubeladenen Ochsenkarren. Er hebt die Hand zum Gruss als wir vorbeirollen; hier prallen Welten aufeinander! Ganz plötzlich taucht vor uns das Meer auf. Wir kommen aus den Bergen, hinter einer
Kehre liegt es uns plötzlich türkisgrün zu Füssen. Ein traumhafter Anblick! Jetzt haben wir den Westen erreicht. Wir haben den westlichsten Punkt Spaniens, Cabo Fisterra, das Ende der Welt zum
Ziel gewählt. Viele Pilger, die nach Santiago de Compostella gepilgert sind, beenden ihre Wallfahrt erst hier. So sehen wir auf dem Weg auch viele Wanderer die an bunten Halstüchern eine Jakobsmuschel als Zeichen tragen. Die Fahrt
entlang der Küste ist ein Traum. Immer wieder haben
wir herrliche Aussichten auf feinsandige Buchten. Hier finden wir die vom Mittelmeer bekannten Kiefernwälder, die die Laubwälder nun abgelöst haben. Das Wasser schimmert in einen leuchtenden türkisblau, wir fühlen
uns nach Griechenland versetzt! Dazu ist wohltuend wenig Verkehr und Bettenburgen und Touristenströme sucht man vergebens. Wir machen Halt im Fischerhafen von Fisterra. Bunte Boote verschiedener Grösse
schaukeln im Hafen. Wer Jachten sucht, wird hier nicht fündig. Es riecht nach Fisch und einige Möwen streiten sich kreischend um brauchbare Reste in einem Berg noch nasser Netze. Von hier sind es nur noch
wenige Kilometer zum Ende der Welt mit seinem Leuchtturm. Ein wenig enttäuscht bin ich dann doch. Wir sind natürlich nicht allein an diesem in jedem Reiseführer verzeichneten Ort. Doch 2 grosse
Baracken für den Verkauf von Souvenirs und ein Aussichtsrestaurant gleich vor dem alten Leuchtturm, das hätte dem Ende der Welt und seinen Besuchern, die hier Einsamkeit suchen, erspart bleiben können.
Nr.11, 01.09.01
183 km nach Santiago de Compostella und zurück. Von solchen Motorradstrecken werde ich noch lange träumen! Für jede Richtung eine eigene Fahrspur, griffiger Asphalt, kaum Verkehr und Kurven über
Kurven. Schöne, weite Bögen, oft einsehbar, nie gemein. Wir haben der Strecke durchs Hinterland den Vorzug gegeben; die Küstenvariante ist doppelt so weit. Wir müssen die Wahl nicht bereuen. Zur tollen Strasse
bekommen wir auch eine wirklich abwechslungsreiche Landschaft geboten. Die vielen Kurven fordern nur einen kleinen Tribut: wir brauchen für die knapp über 90 km gute 2 Stunden. Santiago empfängt uns mit Sonnenschein und
ledertauglichen 22 Grad. Wir schlendern durch die engen Gassen der malerischen Altstadt. Kleine Lädchen und Lokale laden zum Bummeln ein, alles ist gepflegt und sauber. Die Stadt ist voller Pilger,
viele tragen Rucksäcke oder schieben Fahrräder.
Es sind eindeutig nicht die "normalen" Touristen,
die wir aus den Badeorten im Süden kennen. Es ist auch nicht überfüllt wie in Santillana. Rund um die Kathedrale herrscht fast feierliche Stimmung. Die Pilger sind am Ziel eingetroffen. Manche sitzen auf den
Plätzen und Treppen rund um die Kathedrale. Es wird leise gesungen oder auf der mitgenommenen Gitarre gespielt. Welch ein Hochgefühl muss es sein, nach vielen hundert beschwerlichen Kilometern aus
eigener Kraft diesen Ort erreicht zu haben?! Als Konfessionslose verzichte ich auf den Besuch von Apostel Jacobus Grab. Da ich weder Christ bin, noch aus eigener Kraft hierher gepilgert bin, empfände ich es
als Heuchelei mich in die Schlange der Pilger einzureihen. Ich geniesse die feierliche Stimmung rund um die Kathedrale noch eine Weile, dann siegt der Hunger. In der Altstadt gibt es schöne Restaurants und Cafés,
da fällt die Auswahl nicht leicht. Nach dem Essen bestehe ich auf einem Mittagsschläfchen im herrlich gepflegten Park. Hunde haben hier keinen Zutritt, so kann ich mich faul auf dem weichen Rasen ausstrecken. Eine
solche Siesta ist in Spanien durchaus üblich. Auch Geschäftsleute in Anzügen liegen auf Bänken oder im Gras. Das wird verständlich, wenn man die Geschäftszeiten kennt. Läden schliessen
zwischen 13. und 14 Uhr. Es geht dann erst um 17. Uhr wieder weiter - genug Zeit zum Essen und anschliessendem Schläfchen.
Nr. 12, 02.09.01
So, heute bekomme ich also die Quittung fürs ignorieren aller Signale meines Körpers. Beim Aufbruch in Luarca vor einigen Tagen hatte ich Magenschmerzen und Schwäche gefühlt. Die Magenschmerzen haben
mich seither schubweise immer begleitet. Doch statt einen Ruhetag hat mein Körper starken Kaffee und kalte Cola bekommen. (nur nicht einschlafen) Aufkommenden Durchfall wollte ich mit Tabletten abstellen;
schliesslich habe ich Urlaub und ausserdem wollen wir weiter. Gebratener Fisch, Eis und lecker fetter Käse müssen es im Urlaub sein. Heute ging dann nichts mehr. Ich erwachte mit Schweissausbrüchen und starken Schmerzen. Hab
mich mehr ins Sanigebäude geschleppt als dass man das gehen nennen konnte. Heftiger Durchfall erklärt meine Pillen für nutzlos. Kurz nachdem ich ermattet und zitternd wieder im Zelt liege bekomme
ich auch noch Brechreiz. Bin total sauer, heute wollte ich endlich Portugal erreichen. Als ich erst um kurz vor 12.°° wieder erwache begrabe ich diesen Plan für heute. Nach einem Stückchen Weißbrot
und einem Glas Wasser schaffe ich es wenigstens zu duschen. Dann schlafe ich bis nach 18.°° im Schatten auf meiner Liegematte. Danach zwinge ich mich zum Aufstehen, möchte wenigstens kurz
mit Martin plaudern. Er hat den mopedfreien Tag genossen, hatte schon gestern die Faxen dicke von der pausenlosen Fahrerei. Trotz der vielen Stunden Schlaf bin ich todmüde. Die Abstände zwischen
den Schmerzattacken sind lang geworden, so hoffe ich morgen endlich Portugal zu erreichen!
