Nr.11, 01.09.01
183 km nach Santiago de Compostella und zurück.
Von solchen Motorradstrecken werde ich noch lange träumen! Für jede Richtung eine eigene Fahrspur, griffiger Asphalt, kaum Verkehr und Kurven über Kurven. Schöne, weite Bögen, oft einsehbar, nie gemein. Wir haben der Strecke durchs
Hinterland den Vorzug gegeben; die Küstenvariante ist doppelt so weit. Wir müssen die Wahl nicht bereuen. Zur tollen Strasse bekommen wir auch eine wirklich abwechslungsreiche Landschaft geboten. Die vielen Kurven fordern nur einen kleinen
Tribut: wir brauchen für die knapp über 90 km gute 2 Stunden. Santiago empfängt uns mit Sonnenschein und ledertauglichen 22 Grad. Wir schlendern durch die engen Gassen der malerischen Altstadt. Kleine Lädchen und Lokale laden zum Bummeln
ein, alles ist gepflegt und sauber. Die Stadt ist voller Pilger, viele tragen Rucksäcke oder schieben Fahrräder. Es sind eindeutig nicht die "normalen" Touristen, die wir aus den Badeorten im Süden kennen. Es ist auch nicht
überfüllt wie in Santillana. Rund um die Kathedrale herrscht fast feierliche Stimmung. Die Pilger sind am Ziel eingetroffen. Manche sitzen auf den Plätzen und Treppen rund um die Kathedrale. Es wird leise gesungen oder auf der
mitgenommenen Gitarre gespielt. Welch ein Hochgefühl muss es sein, nach vielen hundert beschwerlichen Kilometern aus eigener Kraft diesen Ort erreicht zu haben?! Als Konfessionslose verzichte ich auf den Besuch von Apostel Jacobus Grab. Da
ich weder Christ bin, noch aus eigener Kraft hierher gepilgert bin, empfände ich es als Heuchelei mich in die Schlange der Pilger einzureihen. Ich geniesse die feierliche Stimmung rund um die Kathedrale noch eine Weile, dann siegt der
Hunger. In der Altstadt gibt es schöne Restaurants und Cafés, da fällt die Auswahl nicht leicht. Nach dem Essen bestehe ich auf einem Mittagsschläfchen im herrlich gepflegten Park. Hunde haben hier keinen Zutritt, so kann ich mich faul auf
dem weichen Rasen ausstrecken. Eine solche Siesta ist in Spanien durchaus üblich. Auch Geschäftsleute in Anzügen liegen auf Bänken oder im Gras. Das wird verständlich, wenn man die Geschäftszeiten kennt. Läden schliessen zwischen 13. und
14 Uhr. Es geht dann erst um 17. Uhr wieder weiter - genug Zeit zum Essen und anschliessendem Schläfchen.
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