Der mutige Reformator des Mittelalters bezahlte seine Überzeugungen mit dem Leben. 1415 schickte das Konstanzer Konzil den unbequemen Jan Hus als Ketzer auf den Scheiterhaufen.
Jan Hus

Bei der Recherche für meine Seite wurde ich auf folgenden Artikel über Jan Hus aufmerksam gemacht. Obwohl es weit über den Inhalt einer Diashow hinausgeht, möchte ich meinen interessierten Besuchern diese Informationen nicht vorenthalten:
Auf dem Reformationsdenkmal in Worms steht Martin Luther prachtvoll auf einem hohen
Sockel. Zu seinen Füssen sind vier kleinere Gestalten der Kirchengeschichte zu sehen: Petrus Waldus, John Wiclif, Jan Hus und Girolomo Savonarola. Diese Darstellung bringt fälschlicherweise zum Ausdruck, dass diese vier nur
„Vorreformatoren“ seien.
Mit Jan Hus, und nicht erst mit der „Entdeckung Amerikas“, beginnt eigentlich die Neuzeit. Durch ihn bekommen Begriffe wie Wahrheit und Gerechtigkeit als biblische Erkenntnis neue Bedeutung. Der Historiker Richard Friedenthal sagt, dass Hus zu einer europäischen Parole wurde, heimlich geflüstert und laut verkündet in vielen Ländern.
Jan Hus wurde etwa 1371 in Husinec, nahe Prachatice, geboren. Seine Eltern waren einfache Leute. Dennoch ermöglichten sie ihm eine gute Schulbildung. Sogar in Prag durfte er studieren. Aus seiner Kindheits- und Jugendzeit ist nicht viel bekannt, nicht einmal etwas von seinem Aussehen.
Das Ende des 14. und der Anfang des 15. Jahrhunderts war eine Zeit der Widersprüche. Es war eine Zeit
gesellschaftlicher und kirchlicher Instabilität, eine Zeit mit Verfall von Glauben und Moral: Die Reichen wurden reicher und die Armen ärmer. Das „Schisma“, also die Frage, wer von den bis zu vier Päpsten der richtige sei, verunsicherte
die Menschen in den Städten und Dörfern Europas, auch in Böhmen und Mähren. Prag war schon damals die „goldene“ Stadt. Sie hatte mehr goldene Türme als das Rom jener Zeit. In jener Zeit gab es in Prag 76 Kirchen und Kapellen, 24 Klöster
und mehr als 1200 Geistliche in höheren Ämtern.
Es gibt manches, worin Hus Luther ähnlich ist, besonders die Sprachgewalt. Hus sprach tschechisch, deutsch und lateinisch, die Sprache der Gelehrten in Europa. Wie Luther brach er aus dem
Lateinischen aus und wandte sich der „Volkssprache“ zu. Wie Luther wollte er, dass das Volk die Bibel in seiner Sprache lesen konnte. Nach Beendigung seiner Studien und seiner Priesterweihe wurde Hus zum Rektor der Universität, der
ältesten nördlich der Alpen, und zum Prediger der Bethlehemskapelle ernannt. Nach dem Willen ihres Stifters, eines Deutschen, durfte hier nur tschechisch gepredigt werden. Als Priester im Beichtstuhl hörte Hus von den Sorgen, Ängsten und
Nöten der Menschen.
Hus wurde zum „ungehorsamen Sohn“ der damaligen Kirche, wurde aus Prag verbannt und schliesslich durch Kaiser und Papst zum Konzil nach Konstanz geladen. Er war eben „ohne Furcht vor Menschen und ohne Stolz vor Gott“. Er trat dafür ein, die Heilige Schrift als Grundlage des Lebens zu sehen, und nicht die Dogmen der Kirche. Er forderte eine Veränderung der Kirche „an Haupt und Gliedern“. Er verschenkte sein Geld, das er als Hochschullehrer und Priester verdiente. Sein Christsein bedeutete Nachfolge, bis in den Tod. Luther wurde 100 Jahre später mit dem Schimpfwort „Husit“ belegt!
Der Prozess in Konstanz war alles andere als fair. Hus war freies Geleit zugesprochen worden. Zunächst soll Hus nach seiner Ankunft am 3. Nov. 1414 in Konstanz in dem Haus gewohnt haben, das heute „Husuv Dum“, Hus-Haus, genannt wird. Es ist ein Museum im Besitz des tschechischen Staates und liegt in der Hussenstraße 64.
Der 6. Juli 1415, der Tag der Hinrichtung, beginnt mit einer Messe im Münster. Hus wird zum Widerruf seiner Lehren aufgerufen. Er betet: „Jesus, sieh doch her, dieses Konzil hält dein Tun und dein Gesetz für Irrtum!“ Nach der Verkündigung des Todesurteils, betet er: „Vergib ihnen!“
Die Hinrichtung leitet ein Fürst von Nürnberg, der vom Kaiser zur Belohnung die Burg Hohenzollern
erhält. Die Verbrennung wird gründlich vollzogen: Bücher von Jan Hus werden verbrannt, und die Asche des Scheiterhaufens wird in den Rhein geschüttet.
(Text von Albert Schönleber Dachreiter-Gemeindebrief 02/02. Mit freundlicher Genehmigung der Evang. Gesamtgemeinde Königsfeld.